Eine Geschichte


Der Wecker klingelt.
5:50 Uhr. Eine humane Zeit, würden einige sagen.
Sie weiß nicht was sie täglich erwartet. Deshalb fällt es ihr an einigen Tagen schwer aus dem gemütlichen Bett zu kriechen.
Oftmals hat sie in der Nacht von ihren Vortag geträumt. Verarbeitet so ihre Eindrücke.

Der Wecker klingelt und sie dreht sich mies gelaunt auf die Seite.
Das wird kein guter Tag.
Schlurfend findet sie den Weg zum Bad.
Ihre Haare lassen sich nicht bändigen und ihr Teint lässt auf eine schlechte Nacht schließen.
Sie stolpert über ihre hastig zusammengesuchte Kleidung. Sie flucht.
Der nächste Gang geht in die Küche. Wiedereinmal war sie zu faul, ihr Essen vorzubereiten. In Eile spült sie die Brotdosen vom Vortag aus, schneidet Obst und füllt Joghurt in die Dosen. Das Essen lieblos in ihre Tasche geknallt, zieht sie routiniert eine Schüssel aus dem Schrank und füllt sich Müsli ein. Sie weiß jetzt schon, dass es nicht lange anhalten wird und ihre Laune sinkt weiter. Trotzdem genießt sie das herzlose Frühstück, bevor sie Zähne putzt, sich gleichzeitig anzieht, ihre Fahrradtasche packt und anschließend aus dem Haus schreitet. Schnell schließt sie das Fahrrad ab und schleppt es durch den Hof.
Los geht’s.
Ihre Laune steigt, während der Wind sich ihr entgegen drückt und das Fahren erschwert. Ihr Kopf wird leicht. Ihre Mundwinkel zucken. Schnell und elegant fährt sie den ruhigen Fahrradweg entlang. Angekommen schließt sie das Rad sicher ab. Ihr Atem geht schnell und sie braucht ein paar Minuten um anzukommen. Sie schließt die Tür auf, betritt ihren Raum. Ihr Herz geht auf. Sie schaut auf ein liebevoll eingerichtetes Gruppenzimmer.
Auch heute feilt sich noch in jeder ruhigen Minute an einer angenehmen Atmosphäre. Schnell zieht sie sich um, bereitet alles für die kommenden Stunden vor.
Die Fenster werden geöffnet, Getränke werden besorgt. Liegen gebliebene Spielsachen werden einsortiert.
Es klingelt und ihr Tag beginnt.

Sie ist Erzieherin einer neu eröffneten Krippengruppe.

An der Wechselsprechanlage hört sie ein Kind weinen, während sie fragt, wer am anderen Ende ist. Eine freundliche Stimme: „Der Hannes kommt“, lässt sie schmunzeln.
Ein aufgeweckter, knapp zweijähriger Knirps betritt den Raum.
Ihre Stimme geht automatisch hoch, sie bückt sich, strahlt den jungen Mann an. „Er kränkelt ein wenig“ meint der Papa und verabschiedet sich.
Sie versucht Hannes zum Spielen zu motivieren, doch heute überwiegen die Tränen. Ruhig setzt sie sich zu ihm auf den Boden, nimmt ihn auf den Schoß. Sie singt für ihn, erzählt Geschichten. Er beruhigt sich kaum. Sie steht auf, nimmt ihn auf den Arm, tanzt mit ihm und sucht neue Spielsachen für ihn. Sie spielt alleine mit dem Spielzeug, bis alle Tränen getilgt sind und er sie anstrahlt.
Ihr Herz geht auf. Kaum merkbar drückt sie den Jungen an sich, murmelt in sein Haar, wie großartig er ist und setzt ihn ab, damit er spielen kann.
Hannes strahlt. Sie strahlt.
Beide lachen und Hannes fängt an zu tanzen. Der Montag des Kleinen ist gerettet.
10 Minuten später. Es klopft.
Sie geht zur Tür, Hannes schaut skeptisch. Johanna steht vor der Tür. Die Einjährige strahlt sie an. Sie nimmt Johanna entgegen, wechselt ein paar liebe Worte mit der Mama und schließt dann die Tür. Johanna möchte gleich spielen.
Gemeinsam mit Hannes und Johanna startet sie den Tag.
Der ungemütliche Morgen ist vergessen. Jetzt beginnt der eigentliche Wahnsinn. Sie freut sich darauf, am Boden zu kriechen, unter Tische zu klettern, ihre Augen überall zu haben. Bereitwillig wischt sie Tränen weg, oder putzt die dreckigen Gesichter der kleinen Schätze. Sie bückt sich zum hundertsten-mal um etwas aufzuheben. Mit Freude trägt sie drei Kinder gleichzeitig durch die Gegend oder rennt einem flinken Bein hinterher. Sie freut sich über die Zeit im Garten, obwohl sie friert und ihre Jacke im Raum hängt.
Sie nimmt die blauen Flecken und die dreckigen Sachen in Kauf und das jeden Tag.
Wofür?
Für die strahlenden Kinderaugen, die fröhlichen Gesichter und das Lachen der Kleinen.
Sie steht früh auf und weiß, dass sie viele Kinder trösten darf.
Für sie ist es ein Privileg.
Sie ist Erzieherin und das findet sie großartig.

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