Wie ich entrüstet den Weiterbildungsaal verließ

Nach langer Zeit muss ich wieder einmal meinen Gedanken Platz schaffen.
Im September besuchte ich eine Weiterbildung zu dem Thema "Das haben wir doch immer schon so gemacht". Es ging um uns Pädagogen, die diesen Satz verwenden um sich vor Neuerungen und dergleichen zu schützen. Oder vor der voranschreitenden Zukunft zu fliehen.
8 Stunden hörte ich den Professor vor mir zu. Ich konnte mich nicht zurücknehmen und sprach meine Gedanken offen meinen Kollegen gegenüber an. Mir war der Professor nicht sympathisch und ich konnte seine Ansätze nicht nachvollziehen. Er ist Psychologe und betrachtet unsere Arbeit aus einem ganz anderen Blickwinkel.
Ich habe mich angegriffen gefühlt. Ich war der Meinung der Professor müsste mal an unsere Stelle stehen und dann all seine Forderungen und Wünsche umsetzen.
Mit dieser Meinung bin ich enttäuscht und wütend aus dem Raum gegangen. Familie und Freunde haben diesen Unmut zu hören bekommen. Ich beschwerte mich bei ihnen über die Aussagen des Weiterbildungsleiters. Aber sie blieben mir im Gedächtnis.
Im Oktober hatte ich durch Zufall genau die gleiche Weiterbildung wieder. Natürlich wurde sie wieder von dem Professor gehalten. Diesmal ging der Tag nur 6 Stunden und ich bin mit einem sehr befreienden Gefühl aus dem Saal gegangen. Wieder konnte ich nicht alle Gedankengänge verstehen und sympathischer wurde der Mann mir auch nicht. Aber ich habe die Reichweite des Themas "Das haben wir schon immer so gemacht" verstanden. Er wollte uns nicht nur damit angreifen, ich konnte mir aus einigen Aussagen sogar wichtige Leitsätze herausziehen. Alles Sätze die mir nicht neu waren, keinem von uns, aber die im Alltag manchmal untergehen. Und hierbei kommen wir zu der Problematik die jeder soziale Beruf kennt: Die Menschlichkeit. Wir sind alle nur Menschen und diese haben auch mal schlechte Tage. Aber dürfen das diejenigen abbekommen, mit denen wir arbeiten? Ich finde die Kinder meiner Gruppe haben es nicht verdient von mir geschimpft zu werden wenn sie nicht schnell genug ihre Schuhe ausziehen, nur weil mir eine Erkältung im Nacken hängt und meinen Kopf bleischwer macht.
Also nehme ich mich raus. Sobald ich merke, dass ich den Kindern Unrecht tun würde nehme ich mich aus der Situation. Für ein paar Sekunden schwebe ich über den Kindern, betrachte sie aus der Vogelperspektive und zeige Einfühlungsvermögen. Begreifen die Kinder, dass es mir nicht gut geht und ich möchte dass es schneller voran geht? Nein, woher denn. Würden sie verstehen warum ich schimpfe? Nein, denn sie haben nichts falsch gemacht.
Diese paar Sekunden reichen aus um fair gegenüber den Kindern zu bleiben und sie mit der Achtung zu betrachten, die sie verdienen.

Danke sage ich an den Professor, der mir nochmal gezeigt hat, warum ich die Arbeit mit den Kleinsten so sehr liebe und wie ich mir diese Liebe die vollen 8 Stunden meines Arbeitstages bewahren kann.

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